Bedenkt man, dass an europäischen Klöstern mehr als 1000 Kreuzgänge bekannt sind, ist das Wissen über ihre historischen Ursprünge sehr begrenzt. Mehrere konkurrierende Theorien versuchen zu erklären, wie und wo dieses Architekturelement seinen Ursprung nahm. Erstmals aufgezeichnet (und für die Nachwelt erhalten) wurde ein Kreuzgang im „Klosterplan von St. Gallen“: Auf ihm hielt um das Jahr 820 ein namenloser Zeichner fest, wie ein idealtypisches Kloster – samt Kreuzgang – aussehen sollte. In der Tat wurde dieses Pergament zum Vorbild für viele nachfolgende Klosterbauten. Auch die Funktion der Kreuzgänge (lateinisch „claustrum“) ist seit dem frühen Mittelalter im Wesentlichen gleich geblieben.

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Kreuzgang im Schloss Corvey

Feste Maße – vielseitiger Nutzen

Ein Kreuzgang schließt sich meist nördlich oder südlich an eine Klosterkirche an. Über diesen überdachten Bogengang erreichen die Mönche und Nonnen trockenen Fußes ihren Schlafsaal (Dormitorium), den Speisesaal (Refektorium), die Wirtschafts- und Verwaltungsräume. Nach innen öffnet sich der rechteckige Grundriss zu einem Hof, der einen Klostergarten oder einen Brunnen besitzen kann. Häufig finden sich im Innenraum, der an den Paradiesgarten erinnern sollte, auch wichtige Begräbnisstätten (Grablegen) des Klosters.

Die Grundmaße vieler Anlagen orientierten sich dabei am Klosterplan von St. Gallen, der eine Seitenlänge von 100 Fuß (etwa 30 Meter) vorsah. Kreuzgänge können von Holzdecken oder steinernen Kreuzgewölben überdacht sein. Wenn das wachsende Kloster den Platz brauchte, wurden die Arkaden vollständig mit einer oder mehreren Etagen überbaut.

Ein Gang für Kreuzträger

Seinen Namen bekam der Kreuzgang nicht, wie bei vielen Bezeichnungen auf „Kreuz-“ üblich, aufgrund seiner äußeren Form, sondern nach seiner Nutzung: Kreuzgänge dienten auch für Prozessionen – in ihnen wurde also tatsächlich mit „einem Kreuz gegangen“.

Neben ihrem praktischen Nutzen als Verbindungswege waren Kreuzgänge aber auch immer Orte der Kontemplation und des Gebets. Und vor allem in südlichen Ländern spenden sie angenehmen Schatten in der sommerlichen Hitze. Berühmte, von Touristen gern fotografierte Kreuzgänge gibt es an vielen Orten Europas, zum Beispiel wie im spanischen Girona, im englischen Gloucester oder im Südtiroler Brixen.

Kreuzgang