Unübersehbar bevölkern steinerne Hochkreuze die grünen Weiten Irlands und markieren nach Ansicht von Historikern einst wichtige Versammlungsorte. Über 100 dieser „Keltenkreuze“ verbinden die heidnischen Wurzeln und die christliche Landesgeschichte auf kunstfertige Weise. Charakteristisch ist der steinerne Ring, der sich um den Schnittpunkt der beiden Balken legt. Der Symbolgehalt ist nicht hundertprozentig gesichert, aber vermutlich stand der Ring ursprünglich für das keltische Sonnenrad. St. Patrick, irischer Missionar und Nationalheiliger, soll das heidnische Zeichen in das Rad ewigen Lebens umgedeutet haben. So fiel den Iren der Übergang von alter zu neuer Religion wahrscheinlich leichter.

Auch bei näherer Betrachtung offenbaren die ältesten Keltenkreuze, die aus dem 8. und 9. Jahrhundert stammen, eine eigentümliche Kombination aus christlicher und heidnischer Formensprache. So finden sich hier Tierdarstellungen ebenso wie komplexe Knotenornamente. Erst in den folgenden Jahrhunderten gehen die typischen Verzierungen zurück und weichen einer christlichen Gradlinigkeit. Schließlich werden gar keine Hochkreuze mehr aufstellt. Später kommen allerdings ähnlich gestaltete Grabkreuze in Mode.

Clonmacnoise
Keltisches Kreuz bei Clonmacnoise

Keltenkreuze in Nordeuropa

Wer die Keltenkreuze heute besichtigen will, findet manche von ihnen in der offenen Landschaft, während andere von Besucherzentren umschlossen und erläutert werden. Berühmt sind beispielsweise die Hochkreuze von Clonmacnoise, Ahenny, Carndonagh, Drumcliff, Mainistir Bhuithe, Bealin und Ardboe. Einige dieser Kreuze stehen auf dem Gelände ehemaliger Klöster.

Andere „irische Kreuze“ finden sich außerhalb Irlands, zum Beispiel in Schottland, Wales, aber auch in Frankreich, Schweden und sogar in Deutschland. Das Ansverus-Kreuz bei Ratzeburg markiert die Stelle, wo der heilige Ansverus, ein Benediktinermönch, im Jahr 1066 gesteinigt worden sein soll. Üblerweise haben auch rechtsradikale Gruppierungen den Reiz der Kreuze für sich entdeckt und sie zu ihren Symbolen erklärt. Daher ist das ähnlich aussehende „gleichschenklige Kettenkreuz“ in Deutschland heute verboten.

Keltenkreuz (irisches Kreuz)