Ein kurzer Balken waagerecht, ein längerer Balken senkrecht – könnte ein Symbol einfacher und klarer sein? Das Lateinische Kreuz, so wie wir es heutzutage verwenden, besticht durch seinen universellen Charakter, wie es kein moderner Grafikdesigner besser hätte entwickeln können. Auch erscheint es im Rückblick „logisch“, dass das Christentum den Kreuztod seines Erlösers zur Inspiration wählte. Historisch betrachtet, gestaltete sich der Weg zum christlichen Kreuzsymbol aber keineswegs eindeutig.

In der ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung war die Kreuzigung eine weithin gebräuchliche, schwere und im höchsten Maße unappetitliche Strafe. Dies alleine mag erklären, warum die Urchristen eher eine kritische Distanz zu Kreuzen wahrten. Vor allem im alten Rom waren Kreuzigungen beinahe an der Tagesordnung. Dabei waren auch viele Christen betroffen (wenngleich das Ausmaß dieser „Christenverfolgungen“ teilweise überschätzt wurde). Die frühen Christen wählten zunächst etwas weniger emotional Belastendes – einen stilisierten Fisch – zu ihrem Erkennungszeichen.

Das Kreuz wird zum Symbol der Christen

Nachdem das Christentum 320 römische Staatsreligion wurde, setzten sich andere Symbole durch: Das „Staurogramm“, das durch eine Überlagerung der griechischen Buchstaben Tau und Rho entsteht, sowie das Christusmonogramm XP, eine Überlagerung der Buchstaben Chi und Rho. In beiden Monogrammen ist die klassische Grundform des späteren christlichen Kreuzes bereits angelegt, sodass der letzte Entwicklungsschritt nicht mehr weit war.

Die gekreuzten Balken stellen für gläubige Christen mehr dar, als den Opfertod von Jesus Christus. Der waagerechte Balken steht für alles Irdische, der senkrechte Balken für alles Himmlische bzw. Göttliche. In dem Kreuz vereinigen sich beide Prinzipien – Geist und Seele, Leib und Materie.

Vielfalt christlicher Kreuze

Neben der einfachsten Form zweier kreuzender Linien, haben sich zahlreiche Kreuz-Varianten entwickelt. Viele haben bereits eine uralte, auf das frühe Christentum zurückreichende Tradition, während andere neueren Ursprungs sind. Hier einige wichtige Ausprägungen:

  • Das Andreaskreuz kennen wir aus dem Straßenverkehr. In seiner ursprünglichen Form soll es aber an den Apostel Andreas erinnern. Hier mehr.
  • Das Keltenkreuz findet sich vor allem in Irland und ist durch einen zusätzlichen Ring um die Balkenkreuzung gekennzeichnet. Auch dieser Variation widmen wir einen eigenen Artikel.
  • Das Taukreuz ist unter vielen verschiedenen Namen bekannt, zum Beispiel Antoniuskreuz oder Ägyptisches Kreuz. Im strengen Sinne handelt es sich aber um gar kein Kreuz, denn der waagerechte Balken liegt oben auf dem senkrechten Balken und schneidet diesen nicht. Es sieht aus wie der griechische Buchstabe Tau (geschrieben „T“), und der heilige Antonius soll einen ähnlich geformten Stab besessen haben. Das Taukreuz war bereits den Assyrern bekannt und galt im Christentum als Bußzeichen.
  • Merkmal des Griechischen Kreuzes sind die beiden gleichlangen Balken, die sich in der Mitte treffen. Es sieht also aus wie ein Pluszeichen, ist aber historisch älter als die heute vorherrschende christliche Kreuzform mit längerem Stützbalken. Das griechische Kreuz war die Grundrissform vieler früher christlicher Kirchen. Heute findet es sich beispielsweise als Emblem der Hilfsorganisation Rotes Kreuz oder (!) im Staatswappen Griechenlands.
  • Das Byzantinische Kreuz zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Balkenenden nach außen verbreitern. Es fand im Byzantinischen Reich sowie bei der griechisch-orthodoxen Kirche Verwendung. Eine Mischform aus Griechischem und Byzantinischem Kreuz ist das sogenannten Tatzenkreuz, das sich verbreiternde, gleichlange Balken besitzt.
  • Beim Henkelkreuz ist der obere Balken wie eine Schlaufe ausgeführt. Dieses Symbol hat seinen Ursprung im alten Ägypten, wo es unter dem Namen „Anch“ bekannt war. Dort stand es für das Weiterleben nach im Jenseits, an das die Ägypter glaubten. In der Gegenwart wird das Henkelkreuz auch von Esoterikern genutzt. In einer Abwandlung ist es auch als „Koptisches Kreuz“ bekannt – allerdings nutzt die christliche koptische mehrere, oft recht komplexe Kreuzvarianten.
  • Einander sehr ähnlich sind das Patriarchenkreuz, das Papstkreuz und das Russische Kreuz. Das Patriarchenkreuz ist ein übliches Lateinisches Kreuz, das oben um einen zusätzlichen, kürzeren Querbalken (das Titulus-Brett mit der Aufschrift INRI) ergänzt wurde. Dieses Doppelkreuz war in Osteuropa verbreitet und symbolisiert erzbischöfliche Gewalt. Das Papstkreuz trägt sogar drei unterschiedlich lange Querbalken. Und das Russische Kreuz besitzt (wie das Patriarchenkreuz) zwei Querbalken, allerdings zusätzlichen ein kurzen, diagonalen Balken am Fuß des Kreuzes. Der Diagonalbalken soll die Fußbank symbolisieren, auf der Gekreuzigte oft standen.
  • Das Malteserkreuz gehört zum Malteserorden und seinen karitativen Einrichtungen, wie dem deutschen „Malteser Hilfsdienst“. Das charakteristische Zeichen mit seinen acht Spitzen ist bereits seit dem 6. Jahrhundert in Gebrauch. Die Johanniter verwenden dasselbe Symbol.
christliche Kreuze
Von links nach rechts: Lateinisches Kreuz, Taukreuz, Russisches Kreuz, Malteserkreuz, Anch und Byzantinisches Kreuz
Christliches Kreuz